nutritions praxis

7 Gründe, warum ich kein Saftfasten mache

11. März 2016

Entsafter sind das Must-Have der letzten Jahre.

Und was für eine geniale Marketingstrategie das Entsaften ist, zeigen die kohärenten Preise, die man für ein einzelnes Gerät bezahlen muss.
Werden Säfte angeboten, bezahlt man für die gleiche Menge Obst gut und gerne mal das doppelte.

Kein Problem, denkst du dir jetzt, denn es ist ja viel gesünder!

Aber ist das wirklich so?

Nachdem ich den Film „fat, sick & nearly dead“ geschaut hatte, musste ich mich einfach mit dem Entsaften auseinandersetzen.
Ich war schon halb überzeugt, mein ganzes Geld für einen Entsafter auszugeben.

Hier zeige ich dir, warum ich es doch nicht getan habe.

Was ist eigentlich eine Saftkur?

Bei einer Saftkur ernährst du dich mehrere Tage nur von Saft. In dem Film waren es sogar mehrere Wochen.
Da die Säfte aus Gemüse und Obst bestehen, sollen sie entsäuern und entgiften.
Da keine Ballaststoffe enthalten sind, sollen sie dabei den Darm schonen. Eine natürliche Kur für den Verdauungstrakt.

Allerdings hat die Wissenschaft unlängst festgestellt, dass der Körper seinen Säure-Basen-Haushalt selbst reguliert und die Ernährung nur einen sehr kleinen Anteil daran hat.
Das Detox-Versprechen erweist sich spätestens dann als Marketingtrick, wenn man darüber nachdenkt, wie es überhaupt funktionieren soll.
Leber und Niere können jeden Tag nur eine bestimmte Menge an Giftstoffen verarbeiten und abführen. Sie machen keine Überstunden, nur weil du Säfte trinkst.

Aber darum soll es hier gar nicht gehen.
Schauen wir uns also endlich an, was an einer Saftkur gesund ist und was nicht.

Saft der Umwelt zur Liebe?

Klar, wenn du dich nur von Säften ernährst, dann verzichtest du automatisch auf all die wasser- und nahrungsschluckenden Lebensmittel, wie Käse und Fleisch.

Aber sind Säfte deshalb automatisch umweltfreundlicher?

Wenn du entsaftest, hast du zwar am Ende einen leckeren Saft.
Aber daneben hast du auch einen Brei aus den festen, „überflüssigen“ Gemüse- und Obstbestandteilen.
Meist wird der einfach weggeworfen.

# 1 Entsaften ist also in Anbetracht der vielen hungernden Menschen auf der Welt eine äußerst verschwenderische Lebensführung.

green-juice-Pelambung

Lieber Rohkost oder gekocht?

Säfte sind, wie dir wahrscheinlich klar ist, roh.
Sie werden nicht erhitzt oder auf andere Art verarbeitet. Sie werden –zumindest in guten Entsaftern- nur zerdrückt.

Das ist natürlich eigentlich gut.
Viele Vitamine, die beim Kochen kaputt gehen würden, bleiben so erhalten.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Folsäure. Schon bei kurzen Kochzeiten verlieren wir 70% der enthaltenen Folsäure.

Auf der anderen Seite gibt es viele gesunde Bestandteile im Gemüse, die in der Membran der Zellen verankert sind.
Sie können sich erst lösen, wenn die Zellen aufgebrochen werden.
Das ist genau das, was beim Kochen geschieht.

Es gibt viele Stoffe in den Pflanzen, an die wir ohne Kochen nicht herankämen.
Die Tomate ist ein gutes Beispiel.
Das in ihnen enthaltene Lycopin kann zum größten Teil erst durch erhitzen freigesetzt und von unserem Körper aufgenommen werden.
Da Lycopin antioxidativ ist und mit einem verringerten Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht wird, macht es Sinn, Tomaten zu erhitzen.

Dennoch gehen viele Vitamine und Enzyme beim Kochen verloren.
Deshalb solltest du nicht alles zerkochen.
Und grundsätzlich gilt: Langsames, vorsichtiges Erwärmen für möglichst kurze Zeit.

Zusammengefasst ergibt das also Grund Nummer 2:

#2 Bei ausschließlicher Rohkost gehen viele Vitamine und Nährstoffe verloren, weil unser Körper sie nicht aufnehmen kann

Rohkost an sich ist auf keinen Fall schlecht.
Es ist immer sinnvoller viele Dinge auch frisch zu essen.
Und soviel ich weiß, haben richtige Rohköstler auch Wege gefunden, das fehlende Kochen durch andere Techniken -zum Beispiel langes Einweichen- zu ersetzen.

Allerdings gibt es immer noch gute Gründe, nicht unbedingt auf Säfte zurückzugreifen.

Smoothies oder Säfte – Was ist besser?

Schauen wir uns also mal die Unterschiede zwischen Säften und Smoothies an.

Bei Säften werden wie gesagt die flüssigen von den festen Bestandteilen getrennt.
Die Fasern und Schalen der Pflanzen werden also nicht mit aufgenommen.

Dadurch fehlen dem Saft aber viele Ballaststoffe.
Die sättigen nicht nur länger, sondern binden und enthalten auch viele wertvolle Bestandteile des Gemüses.
Ein gutes Beispiel sind die Flavonoide, die im Saft nicht gelöst werden.

#3 Fehlende Ballaststoffe führen dazu, dass man viel mehr zu sich nimmt, als man es eigentlich tun würde und enthalten unserem Körper gleichzeitig wichtige Inhaltsstoffe vor

Aber mehr Obst und Gemüse ist doch gut?

Ja, eigentlich ist es gut, wenn wir viel Gemüse zu uns nehmen.

Aber bei Saft müssen wir mehr beachten.

Eigentlich bekommt man aus einem Apfel recht wenig Saft heraus.
Dabei sind Äpfel schon sehr wasserhaltig.
Um ein ganzes Glas Saft aus Gemüse zu bekommen, musst du also ziemlich viel entsaften.

Das sind viele Vitamine.
Und das ist ja auch meist das Argument für das Entsaften.

Aber ohne die anderen Inhaltsstoffe, die eigentlich in dem Gemüse oder Obst sind, können solche Säfte ähnlich wie hoch konzentrierte Vitaminpräparate wirken.

Nehmen wir das Beispiel der Karotte.
Eine Karotte ist an sich unglaublich gesund. Das liegt nicht zuletzt am Beta-Carotin.
Aber nimmt man Beta-Carotin einzeln ein, kann es krebserregend wirken.

Leider wissen wir noch immer nicht genau, wie all die Stoffe miteinander in Wechselwirkung stehen. Einiges ist schon bekannt, aber viele Stoffe sind nicht mal ansatzweise erforscht.

#4 Auch wenn in Säften eine geballte Menge an Vitaminen enthalten ist, wirken sie nicht unbedingt auf die gleiche Art und Weise, wie diejenigen in der ganzen Pflanze

Die fehlenden Ballaststoffe haben noch einen weiteren Nachteil.
Die Pflanzenfasern verlangsamen normalerweise die Zuckeraufnahme.

#5 Ohne Ballaststoffe kann der Blutzuckerspiegel durch (Frucht-)Saft beinahe ebenso schnell ansteigen wie durch Süßigkeiten

Das führt zu einer Insulinspitze und ist insgesamt nicht so gut für den ganzen Körper.

Wenn du also Saft trinken möchtest, dann achte darauf, nicht zu viel auf einmal zu trinken.

Smoothies haben den klaren Vorteil, dass die Ballaststoffe noch enthalten sind.
Das Obst und Gemüse wird einfach nur pürriert. So können auch essbare Schalen mit hineingeschmissen werden.

Aber Smoothies haben noch einen weiteren Vorteil:

Du kannst ganz einfach Fett in Form von (Kokos-)Milch, Leinsamen, Chiasamen oder Nüssen hinzufügen.

Ja und?

Einige der Vitamine und viele der sekundären Pflanzenstoffe, von denen wir die ganze Zeit sprechen, sind fettlöslich.
Werden sie ohne zusätzliches Fett aufgenommen, kann dein Körper sie nicht verwenden und scheidet sie wieder aus.

#6 Ohne Fett sind viele wichtige Vitamine und sekundären Pflanzenstoffe unwirksam

Dennoch behaupten viele, dass Säfte besser sind als Smoothies, weil die Zubereitung schonender sei.
Durch das Mixen und die Bewegung kommt mehr Oberfläche mit Sauerstoff in Berührung und oxidiert deshalb auch schneller.
In Säften sollten also eigentlich mehr Antioxidantien für unseren Körper übrig bleiben.

Aber eigentlich stimmt das nicht so ganz.

Falls du zufällig einen Mixer und einen Entsafter zuhause stehen hast, kannst du einen einfachen Test machen.

Schäle dazu zwei rohe Kartoffeln.
Kartoffeln eignen sich besonders gut, weil ihre Oxidation direkt sichtbar ist: Die Kartoffel wird braun.

Jetzt musst du nur noch eine Kartoffel entsaften und eine Kartoffel mit etwas Wasser in den Mixer tun.
Nach kurzer Zeit wird der Kartoffelsaft braun werden.
Die Oberfläche der gemixten Kartoffelmilch wird ebenfalls braun, aber darunter bleibt alles längere Zeit weiß.

#7 Säfte bieten keinen größeren Oxidationsschutz als Smoothies

Über die Aussagekraft eines solchen Experiments lässt sich vielleicht streiten, aber insgesamt wird doch deutlich, dass du nicht sterben musst, weil du keinen Entsafter zu Hause stehen hast.

juice-Xevennowherian

juice-Xevennowherian

Meine Empfehlungen

Du hast es wahrscheinlich schon gemerkt: Ich liebe Smoothies.
Bei uns gibt es alle paar Tage einen grünen Powershake.
Aber wir achten immer darauf, nicht zu viel süßes Obst und nicht zu wenig Fett darin zu haben.

Es spricht nichts dagegen, ab und zu mal einen selbstgemachten Saft zu trinken.
Der ist lecker und das ist gut für die Seele.

Vom gesundheitlichen Aspekt her haben mich Säfte aber nicht überzeugt.

Dennoch kann ich die erwähnte Doku echt empfehlen.
Sie zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie kaputt unsere Lebensmittelversorgung eigentlich ist und wie stark das uns Menschen beeinflusst.

Insgesamt würde ich immer von einer einseitigen Ernährung abraten.
Ganz gleich ob sie aus Rohkost, zerkochtem Kohl oder Saft besteht.

Eine reduzierte Ernährung kann einfach nicht gesund sein.
Und da ist es auch egal, wenn wir Diät mit dem stylischen Wort Fasten ersetzen.
Das bedeutet nicht, dass jede Art des Fastens ungesund ist.

Wenn du aber trotzdem auf Säfte stehst, dann achte doch darauf, zusätzlich andere Lebensmittel zu dir zu nehmen. Vielleicht trinkst du deinen Saft einfach zum normalen Essen dazu.
Und vielleicht überlegst du dir ja auch einen klugen Weg, den anfallenden Matsch zu verwerten. Zum Beispiel indem du Gemüsebratlinge daraus formst.

Hast du schon Erfahrungen mit dem Entsaften gemacht?
Dann berichte mir davon. Ich bin gespannt.

 

Quellen und weiterführende Literatur:

Dewanto, V. et al.: Thermal Processing Enhances the Nutritional Value of Tomatoes by Increasing Total Antioxidant Activity. Journal of agricultural and food chemistry 2002, 50, S. 3010-3014.

Miglio, C. et al.: Effects of Different Cooking Methods on Nutritional and Physicochemical Characteristics of Selected Vegetables. Journal of agricultural and food chemistry 2008, 56, S. 139-147.

Löffler, G. et al.: Biochemie & Pathobiochemie. 2007.

de Marées, H.: Sportphysiologie. 2003.

Kirchner H. & Mühlhäußer J.: Basics Biochemie. 2009.

Rehner G. & Daniel H.: Biochemie der Ernährung. 2010.

Haller D. et al.: Biofunktionalität der Lebensmittelinhaltsstoffe. 2013.

Ebermann R. & Elmadfa I.: Lehrbuch Lebensmittelchemie und Ernährung. 2008.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Was interessantes entdeckt? Lass andere teilhaben!