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Über das Leben mit MS und der Liebe zu Brokkoli – Teil 2

6. Juni 2016

Im ersten Teil dieser kurzen Interview-Reihe berichtete Kathi bereits über die Zeit nach der Diagnose, was sich dadurch für sie verändert und wie sie ihre Ernährung umgestellt hat.
Sie beschrieb, was ihr an Ernährung wichtig ist und wie sie das in einem stressigen Alltag unterbringt.

Jetzt geht es etwas konkreter mit der Umsetzung der Ernährung weiter.

Du hast gesagt, dass du auf Makro- und Mikronährstoffe nicht sonderlich achtest. Bedeutet das, dass du auch keinen speziellen Diätvorstellungen folgst?

Genau.
Das ist meiner Erfahrung nach das Beste und das Einfachste.

Ich merke es relativ schnell, wenn ich mich falsch ernähre.
Das kann natürlich auch von der Krankheit kommen.

Im letzten Urlaub habe ich das stark gemerkt.
Da waren nicht immer alle Zutaten angegeben und deshalb konnte es schon mal passieren, dass ich Dinge essen musste, die ich normalerweise nicht gegessen hätte. Aber es wieder zurückzugeben wäre ja auch eine Verschwendung gewesen.

Das habe ich sofort gespürt.
Zuerst im Bauch, weil meine Verdauung das nicht so gut vertragen hat.
Aber dann kamen diese Müdigkeitsphasen auch wieder verstärkt.

Auch wenn ich bei meinen Eltern bin, kann ich nicht immer so gesund essen, wie ich es gerne würde.
Und wenn ich länger zu Besuch bin, dann spüre ich die Auswirkungen auf meine Gesundheit schon.

Abgesehen davon, dass ich das normale deutsche Essen nicht vertrage, mag ich auch dieses Fettige nicht mehr.
Denn Milchprodukte haben irgendwie ein anderes Fett als beispielsweise eine Avocado.
Und ich merke den Unterschied sofort.

Also hat sich deine Geschmackswahrnehmung verändert?

Ja schon.
Gerade dadurch, dass ich nicht mehr so viele Süßigkeiten esse. Zumindest versuche ich das.
Dann merkt man erst, wie übertrieben süß viele Sachen sind.
Irgendwann schmeckt das nicht mehr so gut, wie man vorher dachte.

Früher waren Süßigkeiten eher so eine Gewohnheitssache.
Das kennt man ja: Je mehr Süßes man isst, desto mehr will man auch haben.
Und dann merkt man auch nicht, wie viel Zucker da überall drin ist.

Das fängt dann schon beim Tee an, dass man da Zucker drin braucht.
Oder auch im Kaffee.
Das geht beides gar nicht und ist so überflüssig.

Irgendwann hab ich mal indische Süßigkeiten probiert und die haben mich wirklich schockiert.
Ich weiß nicht, wie man irgendetwas so süß hinbekommen kann.
Das schmeckt wie purer Zucker mit der Konsistenz von Milchreis.

In der Hinsicht hat sich meine Geschmackswahrnehmung also schon verändert.

Als Kind war ich was Gemüse angeht immer ein bisschen schwierig.
Es war nicht so, dass ich überhaupt kein Gemüse mochte. Aber es waren immer nur bestimmte Sorten.

Brokkoli habe ich als Kind gehasst. Das fand ich richtig ekelig.
Aber seitdem habe ich es so oft gegessen, dass sich die Geschmackswahrnehmung verändert hat.

Mittlerweile gibt es beim Gemüse eigentlich nichts, was ich nicht mag.
Ich unterscheide nur in Dinge, die ich wirklich liebe, und solche, die ich nicht so gerne mag.
Dadurch, dass ich jetzt so viel Gemüse esse, mag ich es auch mehr.
Und man probiert auch mehr neue Sachen aus.

Beim Gemüse kommt es aber natürlich auch auf die Produktionsbedingungen und so an.
Ich finde zum Beispiel, dass eine Gurke frisch aus dem Garten oder vom Biobauern viel aromatischer ist als die aus dem Supermarkt.
Diesen Unterschied habe ich früher kaum wahrgenommen.

Wahrscheinlich kommt das einfach daher, dass ich Gemüse nicht mehr als Beilage betrachte sondern als Hauptgericht ansehe.
Das verändert die ganze Wahrnehmung.

Auf Familienfeiern wird das aber dann zum Problem.
Da bin ich meist ein bisschen enttäuscht, weil das Gemüse ja wirklich nur die Beilage ist.
Ob das Essen dann gut war oder nicht, wird über das Fleisch bestimmt.
Ich habe ja kein Problem damit, mich von Beilagen zu ernähren, aber dann müssen sie auch gut sein.

Ich kann mir vorstellen, dass Familienfeiern nicht die einzigen Situationen sind, in denen es etwas schwieriger wird. Wie sieht es zum Beispiel aus, wenn du unterwegs bist?

Wenn ich wirklich mal länger fahren muss, dann plane ich mein Essen meist vorher und mache es zu Hause schon fertig.
Aber mit der Zeit weiß man ja auch, was man wo kaufen kann.
Dann findet man sich immer besser zurecht.

Eigentlich bin ich selten so lange unterwegs, dass es sich lohnt, das Mittagessen zu planen.
Wenn doch kommt es auch mal vor, dass ich es darauf ankommen lasse.
Eigentlich findet man ja doch überall irgendetwas.
Das ist dann vielleicht nicht das leckerste Essen und auch nicht das gesündeste.
Aber da mache ich auch mal Ausnahmen und esse zum Beispiel nur ein trockenes Brötchen.
Ich bin da nicht so anspruchsvoll.

Aber auch auf Fahrten habe ich immer ein Stück Obst dabei.
Auch wenn es manchmal deprimierend ist, wenn andere sich super leckere Sachen kaufen und ich nur meinen Apfel habe.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass andere sich oft zu viel mitnehmen.
Und dann übernehme ich schon manchmal die Rolle des Resteessers.
Wenn eine Freundin ihr Käsebrot wegschmeißen will, würde ich das schon essen, bevor es weggeworfen wird.

Das habe ich von einem Freund übernommen, der auch Veganer ist.
Der isst im Notfall immer die Reste seiner WG auf. Ob das nun braune Bananen oder Chicken Wings sind.
Das hat mich immer sehr beeindruckt. Die ganze Einstellung, dass nichts weggeschmissen werden sollte. Aus Prinzip nichts zu verschwenden.

Ich verstehe natürlich, wenn Leute nach einer gewissen Zeit kein Fleisch mehr essen können.
Einfach weil sie es nicht mehr vertragen oder weil ihnen schlecht davon wird.
Aber wenn sie damit kein Problem haben, dann sollten sie schon versuchen, keine Reste wegzuschmeißen.
Das Ganze hat mich damals wirklich inspiriert und motiviert, mein Ding so durchzuziehen.

Dann ist dir eine ökologische Herangehensweise auch wichtig?

Ja, absolut.
Ich versuche, so oft es geht, unverpackte Sachen zu kaufen.
Das ist ja leider echt schwierig. Weil es hier auch keine Läden gibt, die ohne Verpackungen auskommen.
Deshalb kaufe ich viel auf dem Markt ein.
Da weiß ich, dass ich meinen Brokkoli ohne Plastik drum rum bekomme.
Zumindest meistens.
Manchmal muss man darauf bestehen, dass man keine Plastiktüte haben möchte, sondern einen eigenen Beutel hat.
Da muss ich die Leute immer anschreien: „Nein! Nein! Ich habe eine Tüte dabei!“
Ich verstehe die Menschen nicht, die mit zehn verschiedenen Plastiktüten vom Markt kommen.
Man könnte glatt meinen, die haben Angst, dass der Brokkoli geschmacklich auf die Orange abfärbt. Das wär ja echt ekelig.

Auch im Supermarkt nehme ich dann keine Plastiktüte für Obst, sondern ein Wäschenetz.
Oder ich nehme meine zwei Kiwis auch einfach so mit.
Man braucht ja nicht für alles immer eine extra Tüte.

Was würdest du anderen Personen, die MS haben und nicht so richtig wissen, was sie mit ihrer Ernährung anstellen sollen, empfehlen?

Grundsätzlich hilft es, sich schrittweise umzustellen.
Das ist körperlich einfacher.
Aber natürlich ist es auch für das Umfeld leichter und erspart dadurch einiges an Stress.

Manche schaffen es, sich sofort komplett auf eine neue Ernährung umzustellen.
Für mich wäre das aber nichts.
Deshalb ist es so wichtig, auf den eigenen Körper zu hören.
Es bringt nichts, einfach irgendwelchen Plänen zu folgen, wenn sie nicht zu einem passen.

Und ich kann es nur immer wieder betonen: Nicht nach einer Woche direkt wieder aufhören.
Nach einer Woche kann es tatsächlich sein, dass der Körper auf die Umstellung erst mal nicht so gut reagiert.
Aber das wird mit der Zeit besser.

Wenn es nach drei oder vier Wochen immer noch nicht besser geht, dann muss man auch einfach auf seinen Körper hören und es sein lassen.
Es bringt nichts, das zu erzwingen, weil es von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist.
Jeder verträgt eine andere Ernährungsweise am besten.
Deshalb muss man viel experimentieren und sich informieren.

Selbst wenn man vegan lebt, bringt es auch nichts, wenn man das Fleisch einfach durch Sojaprodukte ersetzt und einfach weiter so isst wie bisher.
Stattdessen sollte man viel mehr Gemüse zu sich nehmen, egal ob man jetzt komplett vegan lebt oder nicht.
Eine Beilage reicht nicht unbedingt aus.
Darüber denken erstaunlich wenige Menschen wirklich nach, obwohl es ja alle sagen.
Insgesamt sollte der Teller möglichst bunt aussehen und der größte Teil aus Gemüse bestehen.

Wenn man sich gerade erst umstellt, sollte man einfach versuchen mehr Gemüse zu integrieren. Man muss dann nicht sofort etwas weglassen.
Wenn man genug Gemüse isst, dann kann man den Rest Stück für Stück weniger werden lassen und so anpassen, wie man es braucht.

Gerade durch das Internet ist es total einfach geworden, neues auszuprobieren.
Die Fülle an veganen Rezepten ist unerschöpflich und da findet man auch immer gute Tricks.
Manchmal sind die Rezepte ein bisschen übertrieben und speziell. Dadurch kann man schon mal eingeschüchtert werden.
Aber man darf sich davon nicht abschrecken lassen.
Es gibt auch viele Rezeptseiten, die sich auf einfache Rezepte spezialisiert haben.
Oder eben auf Rezepte für Leute, die gerade erst angefangen haben, vegan zu essen.
Oder von Leuten, die es in ihren Familienalltag integrieren müssen.
Da kann man sich einige Ideen holen.

Wenn man sich mit gesunder Ernährung auseinander setzt, muss man sich sowieso auch mit dem Kochen auseinander setzen.
Viele haben leider keinen Spaß am Kochen.
Aber dann sollte man versuchen, Kochen als eine besondere Aktivität zu sehen. Indem man zum Beispiel mit oder für Freunde kocht.

Man sollte also versuchen, eine andere Einstellung zum Kochen zu bekommen.
Bei mir ist es im Moment so, dass ich durch die Uni kaum noch Zeit zum Malen oder irgendwelche anderen kreativen Hobbys finde.
Und deshalb lebe ich meine Kreativität jetzt größtenteils durchs Kochen aus.
Ich probiere neue Rezepte aus und variiere sie. Oder ich nehme mir die Zeit und versuche das Essen möglichst schön zu arrangieren.
Dann bekommt man irgendwann wirklich Spaß am Kochen.

Wenn man dann wirklich mal keinen Bock auf Kochen hat, kann man immer noch nach Tofu und einer Packung Tiefkühlgemüse greifen.
Da braucht man kaum noch etwas machen und bekommt trotzdem etwas Gesundes hin.

Hast du ein Lieblingsrezept, das du mit den Lesern teilen möchtest? Speziell bezogen auf das Leben mit MS oder auch allgemein.

Ich habe viele Lieblingsgerichte.
Aber im Moment stehe ich total auf gebackene Süßkartoffel.

Gerade wenn ich abends von der Uni komme und der Tag super anstrengend war, habe ich manchmal keine Lust zu kochen.
Das kommt nur selten vor, weil ich Kochen als etwas sehr Entspannendes erlebe.
Aber manchmal habe ich einfach gar keine Lust darauf.
Und dann ist die Süßkartoffel genau das Richtige.

Die Süßkartoffel muss gewaschen und dann von allen Seiten mit einer Gabel ordentlich an gepiekt werden.
Je nachdem wie groß die Kartoffel ist, kommt die dann für etwa 40 Minuten bei 180 Grad in den Backofen.

In der Zwischenzeit kann man irgendeine beliebige Füllung machen.
Super passt zum Beispiel einfach Guacamole.
Oder eine Mischung aus Gemüse. Das wird dann einfach gekocht und gewürzt.

Wenn die Süßkartoffel fertig ist, wird sie aufgeschnitten.
Das Innere kann ein bisschen aufgelockert werden.
Und dann kommt die Füllung oben drüber, bis ein riesiger Berg entsteht.

Das ist super easy und lecker und es wird nie langweilig, weil es so viele Varianten davon gibt.
Ein absolutes Feel-Good-Essen.

Das Rezept funktioniert natürlich auch mit normalen Kartoffeln, aber ich mag es mit Süßkartoffeln lieber.
Die sind auch meist etwas größer und eignen sich dadurch besser.

Ansonsten bin ich auch ein riesiger Couscous-Fan, weil das auch wahnsinnig schnell geht.
Wie immer schmeiß ich da meist alles zusammen, was ich gerade da habe.

Möchtest du den Lesern noch irgendetwas mit auf den Weg geben?

Sport.

Früher war ich überhaupt kein Sportfan.
Weil ich nicht die richtige Sportart für mich gefunden habe.
Dann habe ich für mich Yoga und Pilates entdeckt. Oder auch Bouldern.
Ich mag es einfach, die Herausforderung in mir selbst zu suchen.
Was kann ich schaffen? Was kann ich erreichen?

Aber das ist nur meine Präferenz. Was man an Sport macht, ist eigentlich egal.
Es kommt darauf an, dass man Spaß daran hat und dass man sich bewegt.
Das hat dann auch starken Einfluss auf die depressiven Phasen, die ja meist mit solchen Krankheiten wie MS einhergehen.

Ich gestalte es immer frei und nehme mir einfach vor, vier Mal die Woche Sport zu machen.
Aber vielen Leuten hilft es, feste Termine zu haben oder sich mit anderen zu verabreden.
Da muss man ehrlich zu sich selbst sein.

Wenn man lange keinen Sport gemacht hat, ist es immer eine Selbstüberwindung anzufangen.
Dann muss man sich auch oft dazu zwingen, den Hintern überhaupt hoch zu bekommen.
Aber wenn man das erst mal in einem festen Plan integriert hat, dann wird es so routiniert wie die Spritzen oder das Essen.

Gerade an den Tagen, an denen man das Gefühl hat, man kann irgendwie nichts machen und ist zu müde, sollte man etwas machen.
Eigentlich sind das sogar die Tage, an denen man etwas machen muss.
Sonst wird es nur immer schlimmer.
Der Sport sorgt dafür, dass man wieder hoch kommt –körperlich und emotional.

Beim Sport wie bei der Ernährung hilft es, wenn man die Unterstützung von anderen hat.
Mir hat es zum Beispiel sehr geholfen, dass mein Freund auch vegan geworden ist.
Zusammen Sport zu machen oder zusammen zu kochen und zu essen, macht einfach viel mehr Spaß als allein.
Den Partner dazu zu zwingen bringt natürlich auch nichts.
Aber als Hinweis an alle Partner: Es ist immer schön, wenn man unterstützt wird.

Danke für dieses wunderbare Interview, Kathi.

 

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