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Xylit – eine gesunde Alternative zum Zucker?

28. April 2016

Wir wissen es ja alle: Zucker ist ungesund.

Natürlich kommen sowohl Glucose, als auch Fruktose –die beiden Bestandteile des Zuckers- in der Natur vor.
Aber in Obst, Gemüse und auch Getreide finden sich beide Stoffe nur in geringen Mengen.

Das gleiche gilt auch für alle anderen natürlichen Süßungsmittel.

Das macht Zucker in gewisser Weise zu einer Chemikalie.
Der menschliche Körper hatte nie das Problem, zu viel Süßes zu sich zu nehmen.
Deshalb kann er diesen nur schwer verwerten.
Er ist einfach nicht dafür gemacht, so viel Zucker zu verdauen.

Dennoch liegt uns die Lust auf Süßes im Blut.
Süß ist die erste Geschmacksrichtung, die Babys wahrnehmen können.
Und sie bleibt für die meisten bis ins hohe Alter die liebste.

Dies wäre kein Problem, wenn wir nicht an jeder Straßenecke für wenig Cent Schokoladenriegel, Gummibärchen und Kekse kaufen könnten.
Die Fähigkeit, der Versuchung von Zucker zu wiederstehen, hätte zu Beginn der Menschheitsgeschichte keinen evolutionären Vorteil mit sich gebracht.
Also wurde diese Fähigkeit auch nicht kultiviert.

Heute bringt das leider einige Probleme mit sich.
Viel zu viele Menschen sind mittlerweile übergewichtig.
Viele leiden unter Krankheiten, die durch ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung verursacht werden.

Und trotzdem ist die Versuchung des Zuckers ungebrochen.

Was sollen wir tun, wenn unser Körper wie ein Süchtiger immer wieder nach dem Gift verlangt?

Eine Möglichkeit hat die Industrie schon sehr schnell für sich entdeckt.
Zuckeralternativen sprießen wie Grashalme aus dem Boden.
Obwohl die wenigsten davon gesund sind.

Ein Beispiel ist Xylitol – ein Zuckeralkohol, das bereits 1891 in Deutschland entdeckt wurde.
Wenn du nach Xylitol oder Xylit googlest, dann wirst du zwei Arten von Suchergebnissen finden:
Die einen hypen Xylit als den neuen Heilsbringer.
Die anderen verteufeln es als krebserregendes Teufelswerk.

Das liegt vor allem daran, dass die Studienlage sehr widersprüchlich ist.
Aber das hindert uns ja nicht daran, diese Studien mal genauer unter die Lupe zu nehmen und herauszufinden, was dran ist an dem Mythos des gesunden Zuckerersatzes Xylit.

Was genau ist eigentlich Xylit?

Bereits 1963 wurde der Zuckeraustauschstoff in Amerika und kurze Zeit später auch durch die Efsa in Europa zugelassen. Als Zusatzstoff trägt es die Nummer E 967.
Es liegen laut der Behörden keine gesundheitlichen Bedenken bezüglich der Verwendung von Xylit vor.
Denn trotz der vielen Kritik gibt es bislang keine Nachweise, dass Xylit krebserregend oder in sonstiger Art und Weise schädigend sei.

Xylitol wurde in Finnland während des Zweiten Weltkrieges aus der Not heraus als Zuckerersatz benutzt.
Obwohl der Stoff schon früher entdeckt und isoliert worden war, schafften es erst die Finnen, ihn zu stabilisieren, um ihn weiter zu verarbeiten.

Xylit herzustellen ist nämlich gar nicht so einfach.
Besonders effizient ist die Herstellung aus Birken.
Hierzu muss jedoch zunächst die Xylose aus dem Birkenholz extrahiert werden.
Dies geschieht mit Heißdampf.
Die Xylose wird dann in sogenannten Holzzucker gespalten. Dieser muss aber noch gereinigt und im Vakuum bei 60 Grad eingedickt werden.
Erst nach diesem langwierigen und aufwendigen Prozess entstehen zuckerähnliche Kristalle, das Xylit.

Aus einer Birke bekommt man so ungefähr 25 Kilogramm Xylitol.
Der aufwendige Prozess ist auch dafür verantwortlich, dass Xylit im Vergleich zum Zucker so teuer ist.

Erst durch dieses Verfahren bekommt der eigentlich natürlich in Blumenkohl, Erdbeeren, Himbeeren und Pflaumen vorkommende Stoff zuckerähnliche Eigenschaften.
Geschmack und Süßkraft lassen sich kaum vom normalen Zucker unterscheiden.
Auch beim Backen und Kochen gibt es wenige Unterschiede.
Xylit wird beim erwärmen nicht braun und karamellisiert nicht.
Auch scheint er etwas mehr Wasser zu ziehen als Zucker, wodurch Gebäck etwas trockener wird.

Wie die meisten anderen Süßungsmittel auch kommt Xylitol in der Natur nur sehr wenig vor. Meist ist der Anteil deutlich unter einem Prozent der Trockenmasse.
Aber Xylitol kommt nicht nur in Pflanzen vor.
Als natürliches Zwischenprodukt des Kohlenhydratstoffwechsels produzieren wir selbst jeden Tag etwa 15g Xylitol.

Wenn Xylit eigentlich wie Zucker ist und zudem auch noch natürlich in unserem Körper vorkommt, warum gibt es dann überhaupt so viele Diskussionen darüber?

Xylit hat aus chemischer Sicht eine Sonderstellung unter den Zuckern.
Denn beinahe alle anderen Zuckeralternativen sind Sechs-Kohlenstoff-Zucker.
Xylitol aber ist ein Fünf-Kohlenstoff-Zucker.
Dadurch besitzt er bestimmte Eigenschaften, die wir uns gleich anschauen werden.
Unter anderem erzeugt Xylit ein basisches Milieu. Zucker dagegen erzeugt Säuren.

Mindestens einen Vorteil hat Xylit auf jeden Fall gegenüber Zucker: Es hat 40% weniger Kalorien.
Das liegt daran, dass Xylit nur zu 75% aus verwertbaren Kohlenhydraten besteht.

Innerhalb unseres Stoffwechselkreislaufs hat Xylitol keine schädigenden Einflüsse.
Allerdings findet dieser auch in der Leber und nicht im Darm statt.
Um die Wirkungen von mit der Nahrung aufgenommenen Xylit in unserem Körper genauer zu verstehen, müssen wir also dem Stoff auf seiner Reise durch unsere Verdauungsorgane folgen.

Xylitol im Mund

Dass Xylit im Mund süß wie Zucker schmeckt, weißt du ja bereits.
Aber der Zuckeralkohol kann noch mehr.

Aber erstmal langsam.
Schauen wir uns zunächst mal im Mund um.

Wusstest du, dass allein in deiner Mundhöhle über 400 verschiedene Bakterienarten leben?
Die meisten davon sind nützlich und verursachen keine Schädigungen.
Aber einige verursachen Karies und Zahnfleischerkrankungen.

Die Bakterien ernähren sich von dem Zahnbelag.
Die Rechnung ist ganz einfach.
Je mehr Zahnbelag du hast, desto mehr Bakterien hast du auch.

Zahnbelag ist übrigens ein zwar unsichtbarer Film aus Speichel und Nahrungsresten.
Der Zahnarzt nennt ihn auch Plaque.
Dummerweise fördern die Bakterien gleichzeitig auch die Plaquebildung.

Sie ernähren sich von einfachen Kohlenhydraten und bilden dabei Säuren, die die Zähne angreifen.
Dann bekommen wir Karies.
Aber auch das Zahnfleisch leidet unter einer Übermäßigen Besiedlung mit schädlichen Bakterien wie die Streptococcus mutans.
Neben dem Rückgang des Zahnfleisches und der erhöhten Anfälligkeit für Entzündungen, kann es auch zu einer richtigen Zahnfleischinfektion kommen.
Es wird vermutet, dass dies auch schlechte Auswirkungen auf unser Herz hat.

Eigentlich ist es total egal, was du isst.
Im Speichel bleiben immer Speisereste hängen.
Und die bedeuten Nahrung für die plaquebildenden Bakterien.

Wenn du Süßigkeiten isst, ist das aber besonders schlimm.
Denn Zucker ist nicht nur die optimale Nahrungsgrundlage für die Bakterien.
Durch Zucker entsteht im Mund auch ein saures Milieu.
Und das ist ideal für die Vermehrung der Bakterien.
Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass der Zucker dem Zahnschmelz zusätzlich Mineralien entzieht. Dadurch wird er abermals angreifbarer für die Säure.

Du erinnerst dich, dass Xylit ein Fünf-Kohlenstoff-Zucker ist?
Das ist jetzt von Bedeutung.

Denn durch diese besondere Struktur können die Bakterien Xylitol nicht als Nahrung verwerten.
Sie werden einfach ausgehungert.

Zugleich kann Xylitol nicht vergären, also auch nicht in Säure umgewandelt werden.
Stattdessen erhöht Xylitol den pH-Wert des Speichels.
Das basische Milieu überträgt sich auch auf das Plaque.
So werden die Zähne weniger stark von der Säure angegriffen und die schlechten Bakterien können sich nicht mehr so gut vermehren.

Xylitol kann aber noch mehr.
Durch seine Struktur erhöht es die Speichelproduktion.
Dieser ist normalerweise basisch und neutralisiert dauerhaft die Säuren im Mund.
Zugleich werden die Zähne über den Speichel auch remineralisiert.
Xylitol beschleunigt diese Mineralisierung des Zahnschmelzes, indem es den pH-Wert erhöht und zusätzlich die Bindung von Speicheleiweißen an Calcium fördert.

Durch mehrfaches Putzen und die Vermeidung der schnellen Kohlenhydrate kann die Entstehung des Zahnbelags deutlich verringert werden.

In der Theorie hört sich die Verwendung von Xylit bis jetzt ziemlich sinnvoll an.
Aber wie immer ist es nicht so einfach.

Seit 1972 wurde die Wirkung von Xylitol auf den Menschen in vielen Studien bestätigt.
In einigen aktuelleren Studien werden jetzt jedoch erstmals Bedenken geäußert.
So habe Xylit bei einer ausreichenden Versorgung mit Fluorid keine signifikante Verbesserung der Kariesvorbeuge gebracht.

Dennoch empfehlen viele Zahnärzte weiterhin Xylitol als zahnfreundliche Alternative.
Das letzte Wort ist hier also noch nicht gesprochen.
Sicher ist aber, dass Xylit das Kariesproblem nicht weiter verschlimmert.
Und das ist schon mal ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zum Zucker.

Verdauung und Verstoffwechslung von Xylit

Im Magen geschieht mit den zuckerähnlichen Kristallen zunächst nichts.
Erst im Darm wird Xylitol vom Körper aufgenommen.

Im Dünndarm wird etwa ein Drittel des aufgenommenen Xylits resorbiert.
Dieser Anteil kann sich bei regelmäßigem Verzehr aber steigern.
Die Resorption verläuft ausschließlich passiv und ist deshalb eher langsam.

Das aufgenommene Xylit wird in der Leber in den Kohlenhydratstoffwechsel aufgenommen und dort weiter zu Energie verwertet.

Die übrig gebliebenen 2/3 gelangen in den Dickdarm und werden da von Bakterien aufgenommen.
Sie bauen Xylit zu kurzkettigen Fettsäuren ab.
Die Fettsäuren werden anschließend durch die Darmwand aufgenommen und verstoffwechselt.

Weil Xylit so viel langsamer aufgenommen wird, ist seine Auswirkung auf den Insulinspiegel viel geringer als beim Zucker.
Leider stimmt die oft vorgebrachte Behauptung nicht, dass Xylit überhaupt keinen Einfluss auf den Insulinspiegel habe.
Aber immerhin ist die Insulinreaktion um mehr als 50% weniger stark ausgeprägt als bei normalen Zucker.

Xylit kann nicht gären, deshalb sind Blähungen durch Xylit eher selten.
Trotzdem gibt es viele Menschen, die empfindlich auf den Zuckeralkohol reagieren.

Bei mehr als 30 g wirkt Xylit bei vielen abführend.
Es verursacht bei übermäßigem Verzehr also Durchfall. Dazu gesellen sich manchmal Magenkrämpfe.
Dies ist eine Nebenwirkung, die alle Zuckeralkohole gemeinsam haben.

Allerdings gewöhnen sich die meisten recht schnell an einen leicht erhöhten Konsum von Xylit.
Mehr als 0,5 g pro Kilogramm Körpergewicht solltest du trotzdem auf keinen Fall zu dir nehmen.

Positiv wurde dagegen zumindest in Tierversuchen festgestellt, dass die regelmäßige Aufnahme von Xylit die Alterungserscheinungen abmildern kann.
Wie auch schon im Mund, bildet Xylit im Körper Komplexe mit Calcium.
Dadurch wird die Aufnahme des Calciums verbessert und der altersbedingte Knochenabbau kann eingeschränkt werden.

Für die oft angebrachten Versprechen, dass Xylit schädliche Bakterien im Darm zerstöre und das Immunsystem schütze, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise.
Wohl war ist aber, dass es sich anders als Zucker auf keines der beiden negativ auswirkt.

Achtung bei Haustieren

Obwohl es keine Hinweise für schädliche Auswirkungen von Xylit auf den Menschen gibt, musst du bei deinen Haustieren vorsichtig sein.
Hunde, Kaninchen, Ziegen und Rinder vertragen Xylit überhaupt nicht.
Für Katzen ist es jedoch ungefährlich.

Meine Empfehlungen

Als Fazit muss sicherlich gezogen werden, dass Xylit nicht gesundheitsgefährdend ist.
Allerdings ist es auch nicht der Nonplusultra-Zucker, der eine gesunde Ernährung sicher stellen kann.

Es konnte nicht bewiesen werden, dass Xylit sich negativ auf das Hungergefühl oder Essverhalten auswirkt.
Es gibt aber auch keine Hinweise darauf, dass Heißhungerattacken mit Xylit verhindert werden können.

Aber vor allem ist es wichtig, dass du dich nicht täuschen lässt.
Xylit hat durchaus Kalorien und auch Auswirkungen auf deinen Insulinspiegel.
Dass beides geringer als beim Zucker ist, ist ja schön und gut. Aber vorhanden ist es trotzdem.

Außerdem hat Xylit das gleiche Problem wie alle anderen Arten von Süßungsmittel auch.
Es besteht aus leeren Kalorien.
Außer dem Geschmack und eventuellen Vorteilen für deine Zähne, gibt Xylit deinem Körper keinerlei Mehrwert.

Besser wäre es dagegen, überhaupt nicht zu süßen.
Natürliche Lebensmittel, also Obst und Gemüse bringen vielfach eigene Süße mit, die wir nur durch unseren Zuckerkonsum verlernt haben wahrzunehmen.

Also versuche möglichst mit süßem Obst vorlieb zu nehmen.
Wenn du aber mal etwas Süßeres brauchst, dann ist Xylit in Maßen keine schlechte Wahl.

 

Hast du schon Erfahrungen mit Xylit gesammelt?
Dann schreib einen Kommentar und teile deine Meinung mit uns.

Quellen & weiterführende Literatur:

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